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Frankfurter Neue Presse

 

Printausgabe vom 05.02.2008

Amerikaner wählen in Sportsbar

Von Thomas J. SchmidtFrankfurt. In über 20 US-Bundesstaaten werden heute diePräsidentschaftskandidaten gekürt. Die Nation fiebert dem „Super Tuesday“entgegen. Auch in Frankfurt sind die rund 4000 Amerikaner zur Stimmabgabeaufgefordert. Während die Republikaner (John McCain, Mitt Romney) ihr Votum perBriefwahl abgeben, zieht es die Demokraten (Hillary Clinton, Barack Obama) indie Kneipe. In der Upper Westside, Sportsbar in der Frankfurter Welle, wirdBeverly Seebach am Samstag eine schlichte Urne aufstellen. Die 52 Jahre alteEDV-Kauffrau ist die Vorsitzende der „Democrats abroad“, eine Organisation, dieParteimitglieder im Ausland betreut. Überall können sie auf diese Weise an denVorwahlen teilnehmen.

Davon wird auch Scott Lockwood Gebrauch machen. Der Werbefilmer (44) lebt seit1988 hier, ist mit einer Deutschen verheiratet, hat zwei Kinder. Selbst inKansas geboren, woher auch die Mutter von Barack Obama stammt, fällt es ihnnicht nur deshalb leicht, sein Kreuzchen zu machen. „Die Republikaner wareneinfach lange genug dran. Der Change muss kommen.“ Keine Wahlen ohne Wahlkämpfer. Dennis Phillips ist einer von ihnen. DerRuheständler war vormals Pressesprecher der Commerzbank. Er schreibt imInternet auf seiner Seite „Rhein Main for Obama“. Die Seite erreicht man überdie des demokratischen Kandidaten. „Obama steht für den Neuanfang und den Idealismus in der Politik“, so Phillips.Zwar sei Hillary Clinton sehr kompetent, doch gebe es mit ihr keine Überwindungdes Parteiendenkens. „Obama will es überwinden, er will, dass alle an einemStrang ziehen.“ Seinen Idealismus habe der Kandidat bereits bewiesen, als ernach dem Studium, statt Geld zu verdienen, ein Hilfsprojekt in einem Ghetto vonChicago aufgezogen hat. Seinen Kandidaten wird Phillips in denPartei-Vorausscheidungen heute über das Internet wählen. „Ich will die Stimmeabgeben, ohne das Ergebnis des Super Tuesday zu kennen.“ Kaum einer der Auslands-Amerikaner kann sich dem Charme des farbigenPräsidentschafts-Kandidaten entziehen. Nur Eric R. Staal versucht es. Er istChairman der Republikaner „abroad“, der Auslandsvertretung der Partei, inFrankfurt. „John McCain wäre ein sehr guter Kandidat und ein sehr guterPräsident“, sagte er. In den vergangenen Wochen und Monaten haben er und seineParteifreunde in Deutschland um Stimmen für die Republikaner geworben. An denWahlen heute nimmt Staal trotzdem nicht teil. „Ich komme aus Virginia. DieserStaat ist nicht beteiligt. Ich wähle in Virginia selbst.“ Für Jeffrey Myers, Pfarrer für Stadtkirchenarbeit an der Paulsgemeinde, ist derSuper Tuesday eine aufregende Sache. „Diese Zeit erinnert an die Kennedy-Jahre– voller Hoffnung und Optimismus. Ich glaube wie viele Landsleute, dass einneuer Anfang notwendig und möglich ist“, sagte er. Alle in seiner Familie undseinem Freundeskreis – sowohl Demokraten als auch Republikaner – sehnten sichnach einem Wechsel. Myers Tipp: „Barack Obama wird der nächste Präsident. Als Pfarrerweiß ich einen guten Redner zu schätzen! Seine Reden erinnern an diekraftvollen Predigten von Martin Luther King. Obama macht einen ehrlichen,aufrichtigen Eindruck, wirkt frisch und hoffnungsvoll und verspricht einenwirklich neuen Anfang.“ Die Gemeinde der US-Amerikaner in Frankfurt ist mit 2900 klein geworden. Hinzukommen 1200 mit Doppelpass. „Früher waren es mal 29 000 Militärs in Frankfurt,Bad Vilbel und Offenbach“, sagte Walter Wieland, Sprecher des US-Konsulats.Seit 1945 war Frankfurt das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Deutschland.1995 wurden die letzten Soldaten abgezogen. Es blieben Geschäftsleute,Wissenschaftler, Mitarbeiter der Regierung, Journalisten, Angestellte ingehobenen Positionen und deren Familienangehörige. An Vorwahlen und Wahlen können sie teilnehmen, wenn sie sich vorherregistrieren ließen und dann ihre Stimme per Briefwahl abgeben. Für dieVorwahlen können Sympathisanten der Demokraten auch per Internet oder inWahllokalen im Ausland abstimmen. Groß ist der Einfluss der Auslands-Amerikaner allerdings nicht. Weltweit gibtes vier- bis sechs Millionen US-Bürger „abroad“. Zusammen stellen sie bei denDemokraten 22 Delegierte. Elf davon werden über das Internet bestimmt, elf inden Wahlkabinen. Alleine in Deutschland wird jedoch in acht Städten gewählt.